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ARZ-Artikel: Dinieren mit Fingerspitzengefühl


Dinieren mit Fingerspitzengefühl

Im Dunkelrestaurant im Rebstock is(s)t der Gast blind / Menü mit schaurig-schöner Theaterbeilage



"Hey, pscht, pschschscht!" "Pst". Stille. Ein leises Kichern von irgendwo her. "Pscht!" "Hey Silvia, wo bist du?" "Hier!" "So weit sitzt du weg!" Lachen von links, rechts und hinter meinem Rücken - wirklich? Das Ohr versucht angestrengt, die Stimmen zu orten. "Ich glaube, ich habe einen Fensterplatz", ruft die Frau von irgendwo links. Jetzt schwillt das Lachen an, Leute sprechen durcheinander. Ein Fensterplatz in völliger Finsternis, das ist schon was. Besonders, weil das Fernster verrammelt ist. Kein Lichtstrahl fällt in die abgeschirmte Stube des Landhotels Rebstock.Der Bottenauer Gastronom Axel Noack hat im Rahmen des 'kulinarischen Herbstes' ins 'Dunkelrestaurant' geladen. Beim Speisen in absoluter Finsternis bedienen zwei Blinde. Um unseren Tisch kümmert sich der 64-jährige Lothar. Vorsichtig hat er jeden an seinen Platz geführt. "Die Gläser stehen immer auf 12 Uhr, Rauchen, Handys oder Uhren mit leuchtendem Zifferblatt sind unerwünscht", so galten die Anweisungen vor dem Speisesaal. Der Rest ist Überraschung.

Das "Du" tut gut

Vor den Augen flimmern schwarz-weiße Flecken. Da ist nichts, woran sie sich festhalten können. "Hallo, wer sitzt eigentlich rechts neben mir?" fragt jemand. "Martin, und wie heißt du?" "Irene." Das "Du" tut gut, verbindet in dieser ungewohnten Situation. "Vorsicht, ich bringe euch jetzt den Salat." Lothars Stimme ist hinter uns. Reflektorisch beuge ich mich leicht nach links, fühle einen Windhauch an meiner rechten Seite, höre das leichte "klong" von Keramik auf Holz. Vorsichtig tasten sich meine Hände vor - vom Tischrand zum Teller, der perfekt zwischen Messer und Gabel platziert ist. Doch wie geht es weiter?"Probiert es erst einmal mit der Gabel", ermuntert Lothar, "wenn das nicht klappt, nehmt ruhig die Finger zur Hilfe." Ich versuche es mit der Gabel. Doch entweder ist sie leer, oder das, was drauf war, fällt auf halbem Weg wieder runter. Nach mehreren missglückten Anläufen lege ich die Gabel zur Seite und denke dabei an die kleinen Schmierfinger meines vergnügt schmatzenden Neffen. Freudige Überraschung: "Leute, das Gemüse kann man mit der Hand essen!" "Und was ist das auf der Fünf?" Mehrere Vorschläge machen die Runde - Pastete, Wurst, Pilze? Und weiter geht die Entdeckung der Vorspeise. "Mh, lecker", kommt es aus einer Ecke. "Was?" "Ich weiß nicht, was es ist. Probier’s. Es liegt unten links." Eine Überraschung sind nicht nur die verschiedenen kleinen Häppchen auf dem Teller, sondern auch die Erfahrung, wie gut rohes Gemüse schmeckt - auch ohne Sauce. Die Sauce finde ich erst zum Schluss.

Stühle klappern

"Argg!" Ein Kreischen übertönt das muntere Geplaudere, das sofort verstummt. Stühle klappern, Männer lachen. "Hey, was ist los", ruft jemand. Keine Antwort. Stattdessen beginnen zwei Frauen mit einem theatralischen Streitgespräch. Ganz gewiss die 'MordsDamen', die im Programm angekündigt wurden. Jetzt bloß keinen Mucks machen! Während sich die alten Damen wie im Evergreen 'Arsen und Spitzenhäubchen' schrecklichster Taten beschuldigen - mal von hintern, mal von rechts oder links - entstehen vor meinem inneren Auge Gesichter, Kleider und Bewegungen. Selbst der Raum mit seinen Stühlen und Tischen nimmt Gestalt an. Mein Bewusstsein gaukelt mir Orientierung vor, wo keine ist.Nach vielen lustigen Schockmomenten mit den quirligen Damen bringt Lothar das Hauptgericht. Ich habe Fisch bestellt und bin damit absolut überfordert. Lothar nimmt meine Hand in die seine. "Du kannst mit der Gabel spüren, wo was liegt", erklärt er und wir klopfen gemeinsam vorsichtig auf die Speise. "Merkst du das? Das ist sicher eine Kartoffel" sagt er. Ich habe gar nichts gemerkt, aber die Probe bestätigt es. Die Kartoffel war zum Glück mundgerecht serviert und wohl temperiert.Nach einigen Minuten bekommen ich ein Gespür dafür, was wann und wie viel auf der Gabel ist. Meine Tischnachbarin bittet Lothar ein drittes Mal um Servietten. "Da sieht man mal, dass Männer reinlicher sind", bemerkt der Gegenüber leicht spöttisch. Auf einen Retourkutsche muss er nicht lange warten. Es wird wieder fröhlich geplaudert - von Unbekannt zu Unbekannt.Nach einer feurigen Pointe der Mordsgeschichte und dem Nachtisch kommt die größte Überraschung des Abends: Eine Kerze flackert auf und enthüllt das Geheimnis um den Raum und seine rund 30 Gäste. Die großen Augen und das "Oh" und "Ach so" beruhigen mich: Nicht nur meine Vorstellung lag weit von der Realität entfernt.Lothar hat sein Werk getan, scherzt und setzt sich zu uns an den Tisch. Er lacht fröhlich, obwohl er weiß: Für ihn wird keine Kerze mehr Licht ins Dunkel tragen.

Aus "Acher-Rench-Zeitung" von Silke Keil

» Dazugehöriges Interview mit den blinden Bedienungen Katja Reuter und Lothar Baumann



Zuletzt bearbeitet am 14.11.05 von lg

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