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BZ-Artikel: 'So schön schwarz hier'


So schön schwarz hier

Wenn das Auge nicht mitisst: Jetzt hat auch Freiburg sein Dunkeldinner - mit und ohne Hörkrimi


Dieses Schwarz. Schwarz ist ja gar kein Ausdruck. Es trifft einen nicht unvorbereitet, aber dennoch überraschend. Tiefschwarz im Wortsinne: Es wirkt plastisch, es hat Tiefe. Die man aber nicht unbedingt ausloten möchte. Gut, dass die Finger ganz nah etwas greifen können, den Stuhl, die Tischkante: so schön hart. Und den Teller, glatt und rund wie eine Uhr; und oben, auf der Zwölf, steht mein Glas, wie versprochen.
Die Vorspeise würde schon auf dem Tisch stehen hatte es geheißen, vorhin bei Kerzenlicht und Sekt, bevor uns die beiden blinden Seher einzeln durch die Lichtschleuse schwerer Vorhänge in die stockfinstere Gaststube geleiteten: "DunkelZille" heißt die Veranstaltung, ein lichtloses Dreigängiges in der Freiburger Zille-Stube. Dunkeldinner gibt es als Erlebnisgastronomie der etwas anderen Art seit ein paar Jahren in Großstädten zwischen Zürich und Hamburg. Jetzt bietet sie Zille-Chef Eduard Durst auch in Freiburg an, immer freitags. Wahlweise gibt’s Fisch, Fleisch oder vegetarisch, alle zwei Wochen in der verschärften Variante: "DunkelZille à la Crime". Die MordsDamen haben sich das ausgedacht, Curry Dinse und Anne Griesser, die sonst Mitmachtheater veranstalten, Lesungen und Ratekrimis. Nun also der Mord im Dunkeln, sozusagen zwischen den Gängen.
Apropos: Kann man jetzt eigentlich anfangen mit der Vorspeise? Wäre nett. Und notwendig: wie im Flugzeug, wo man ja vor allem gegen mulmige Gefühle anisst. Oh, die anderen am Tisch sind offensichtlich längst dabei, kommentieren und identifizieren das Weiche und das Scharfe, das Salzige und den Stein in der Olive. Also los. Mit dem Fingern. Sie sind Vorkoster und Geschmacksverstärker zugleich. Schon die ersten Bissen sind absolut Vertrauen erweckend. Mediterrane Gewürze, Knoblauch, Gemüse. Wie unterscheidet die Zunge Zucchini von Karotte, wenn das Auge nicht mitisst? An den Rändern! Ein Vergnügen. Leider viel zu schnell zu Ende. Die Finger tasten blind im Öl. Leer. Und jetzt? So dunkel hier.
Man macht sich bekannt Tisch, versucht sich zuzuprosten, Gaudi des Scheiterns. Versucht eine Orientierung im Raum, mit der Uhr im Kopf, die das Links und Rechts, das Vorne und Hinten ein wenig differenziert. Zwischen fünf und sieben ist das Schwarz stumm, aber keine Wand zu tasten unangenehm. Bei halb elf wird getrunken und gelacht, ein wenig zu viel, ein wenig zu laut, wie das Pfeifen im Walde. Eine Insel des Lärms, aber gottlob eine Insel, sie bleibt, wo sie ist, kommt nicht auf einen zu. Anders als diese Stimme da: "Martha!" schneidet sie in den Raum, und "Julchen??!!" schallt es zurück, gefährlich nahe. Aha, das Spiel beginnt.
Martha und Julchen sind zwei alte Schachteln, die seit 47 Jahren unter einem Dach wohnen und manche Leiche im Keller haben. Es ist ein komödiantisches Stück, das Anne Griesser da geschrieben und Curry Dinse inszeniert hat: Die beiden, die übrigens selbst noch nie Dunkeltheater erlebt haben, wollten ihr Publikum nicht überfordern. Vielleicht wird ihr lichtloser Krimi mit der Zeit finsterer, dramatischer, abgründiger, psychologischer - erst mal aber fangen sie sacht an.
Ein fast hysterisches Lachen, das da plötzlich wie eine Übersprungshandlung aus Richtung halb zwei schrillt, scheint ihnen Recht zu geben. Oder kam es von den Akteurinnen selbst? Die spielen mit taktilen Reizen, geben Gegenstände ins Publikum. Und für die Sinne, die im tiefen Schwarz bis zum Äußersten gespannt sind, ist jede Berührung im Wortsinne eine Sensation.
Die Suche nach einem imaginären Kätzchen im Saal definiert dem Raum, lotet seine Dimensionen aus - und überbrückt die Zeit bis zum nächsten Gang. Die blinden Seher, Katja und Patrick, sind unsere Kellner, beide jungen Leute waren übrigens noch nie in der Gastronomie tätig. Und steuern doch zielsicher durch die schweren Vorhänge - nur manchmal blitzt sternschnuppengleich ein Lichtfunke in des Gastraum. Sie stehen bereit, wenn jemand eine Lichtpause braucht oder zur Toilette will, sie bringen die Gläser und Teller. Einzeln. Das dauert. Drei dunkel Stunden sind lang. Aber man kann ja ungeniert gähnen - wie ein Hund, bis sich die Ohren anlegen.
Und das Schwarz hat längst seine Bedrohlichkeit verloren. Der Lidschlag ist weich geworden, der Nacken entspannt. So köstlich für das Auge wenn kein Bild es anspringt und der Blick spuren kann im Nichts. Wenn bloß auf halb elf nicht dauernd so laut gelacht würde. Wieder erkunden die Fingerkuppen einen Teller, den dritten mittlerweile, das Besteck bleibt ungenutzt auf drei und neun liegen. Genuss des Suchens, zwischen Sahne und Gebäck, Obst und Soße. Und der Wein kommt so tiefrot und voll in die Nase, auf die Zunge wie noch kaum einer aus Baden. Schwarz schmeckt besser.
Der Krimiklamauk um die beiden alten Damen nähert sich seinem Finale, spannender aber ist die Frage: Wie wird es sein, wenn jetzt bald das Licht angeht? Da kommt es auch schon, auf einem Leuchter: Drei milde, freundliche Kerzen rücken die Dimensionen zurecht, geben dem Raum seine rechten Winkel zurück und dem Gegenüber der letzten Stunden ein Gesicht. Um die 30 Leute in einem wohnzimmerartig kleinen Raum klatschen, lächeln, sehen sich um und einander an. Klingen plötzlich anders - nicht mehr dreidimensional. Dann geht es hinaus in die nasskalte Nacht. Und nicht einmal schwarz ist sie.

Aus "Badische Zeitung" vom 29. Januar 2004, von Gabriele Schoder



Zuletzt bearbeitet am 14.11.05 von lg

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